FLUCHT VORM LEBEN

Welchen Platz im Leben haben wir uns erträumt - und welchen Platz hat uns das Leben beschert?

 

Beim Aufsatzthema „Was ich später einmal werden will“ hat niemand Sachbearbeiter/in für die Buchstaben A-H hingeschrieben. Oder Personalist/in. Oder Klofrau. Und trotzdem sind viele genau das geworden. Heinz hat Feuerwehrmann hingeschrieben, es dann aber ausgebessert - auf Superheld. Welchen Partner haben wir uns erträumt - und welchen hat uns das Leben beschert? Heinz hat Sandra geheiratet, eine Frau, mit der er so gut wie nichts gemeinsam hat - außer Robin, den gemeinsamen Sohn. Und jetzt klickt er sich verzweifelt durch diverse Partnerbörsen, diese Datenbanken der Sitzengelassenen. Heinz Hofbauers Flucht vor’m Leben.

 

Ein Programm wie eine Tablette gegen Tablettensucht. Denn in jedem von uns steckt ein Superheld!

 

 

Regie: Bernhard Lentsch

 

 

 

Das sagt die Presse

 

Es ist zappenduster auf der Bühne, und„ Smoke on the Water“ erschallt in einer Celloversion, welche an Netnakisum erinnert und bedrohlich klingt. Angst und bange könnte einem werden. Doch zum Glück erscheint Spiderman auf der Bühne. Dieser entpuppt sich aber i.w.S. des Wortes, wobei dann die Kopfmaske eher wie eine Kasperlmütze auf dem Kopf thront. Wer steht da nun auf der Bühne? ich sage hier bewusst nicht „im Rampenlicht stehend“, da sich hier ein namenloses Oamutschgal auf die Bretter, die die Welt bedeuten sollen, verirrt hat. Wir wollen hoffen, dass es nicht das Alter Ego von Heinz Hofbauer ist, sondern seine ausgearbeitete Bühnenfigur.

 

Der „Durchschnittstyp“, welcher hier auf der Bühne steht, will uns weismachen, sein fades Berufs- und Familienleben sei Bestandteil seiner „Geheimidentität“, so wie es wahre Superhelden auch hätten. Nur mit den „Superkräften“, da happert’s gänzlich. Das einzige, was an dieser Antithese eines Superhelden übermenschlich ist, dass er am Abend immer „supermüde“ sei.

 

Es ist bewundernswert, mit welcher Konsequenz Hofbauer diese Figur eines Looser-Typen den ganzen Abend durchzieht. Auch in seinen Liedern und Gedichten hält er am Habitus der Figur fest, vielleicht werden in diesen sogar noch die Charakterzüge verstärkt. Eine vordergründig naive Person, der kein lautes Wort über die Lippen kommt. Sie erzählt emotionslos, mit dem Temperament einer Schlaftablette, einerseits von seinen Wünschen und Sehnsüchten, andererseits erfahren wir, wie sein patschertes Leben tatsächlich verlaufen ist.

 

Zum herzhaft Lachen sind z.B. seine lebhaften Schilderungen wie er als Feuerwehrmann die Frau seiner erotischen Träume aus dem Flammenmeer rettet - natürlich entspringt diese Szene nur seiner blühenden Phantasie. Als Beweis seiner Nähe zur Heldenfigur werden erlittene Spinnenbisse als „Spiderman-Naherfahrungen“ gedeutet. An anderer Stelle malt er sich ein absurdes Mitarbeitergespräch von Superman aus, in welchem dieser gescholten wird, weil er zu viel Kilometergeld beim Erdumrunden verrechnet.

 

Staubtrocken sind seine Kommentare zu seiner fatalen Beziehung zu seiner Ex Sandra. Da er nur einmal Sex mit ihr hatte, habe er mit 1.0 eine besseren „Reproduktionskoeffizienten“ als so mancher Superheld. Hofbauers Bühnenfigur ist an skurriler Naivität schwer zu überbieten: Weil er auf den Geburtstagblumenstrauß vergessen hat, beglückt er Sandra mit einem frisch gestohlenen Begräbniskranz „in ewiger Treue“. Warum das geschmacklos sei verstehe er nicht…

 

Im Laufe seiner unbedarften Erzählerei, wird zusehends klar, warum er sich in diese Scheinwelt der Superhelden flüchtet: Er lebt in Scheidung und kämpft um das Recht seinen Sohn Robin sehen zu dürfen (Der heißt natürlich nicht so zu Ehren des Sidekicks von Batman, sondern weil Sandra die Bee Gees liebt). Da unser namenloser Antiheld vor Sandra von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt, erreicht er aber eher das Gegenteil und darf seinen Sohn immer weniger sehen bzw. nur unter restriktiven Bedingungen. Nein er ist bei Gott nicht Superman, eher nur „Aliment-Man“.

 

Beeindruckend ist, wie Heinz Hofbauer die dichterischen Ergüsse seiner Unglückspersonen fast unbemerkt in die Geschichte einwebt. Erst durch die Reimerei „entdeckt“ man die poetischen Verse und merkt, dass es nicht um den eigentlichen Erzählstrang handelt. So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass er sich aufgrund von Arbeitslosigkeit als „Reim-Man“ versucht – „den Schurken auf den Versen“. Als Stoiker wird er eher selten beim Fluchen erwischt, und wenn, dann bezeicnet er dieses als „Poesie des Kleinen Mannes“.

 

Mitunter ist der Humor, den Hofbauer seiner Figur in den Mund legt, schon recht morbid bis skurril: Beziehungs-, wohnungs- und arbeitslos, war er nahe daran gewesen nicht aufzuhängen. Sein einziger Grund dies nicht zu tun, er habe sich dadurch erspart, dass sein Leben nochmals an ihm vorbeizieht. Einen Amoklauf sagt er nur deswegen ab, weil er kein Blut sehen könne. In seiner Verzweiflung schluckt er Tabletten gegen Tablettensucht.

 

Und doch nimz die „Flucht vor‘m Leben“ unseres Antihelden berührendes Ende, welches ich hier natürlich nicht verraten will. Nur so viel sei gesagt: Nicht das Streben nach Superheldentum, sondern eine stabile Beziehung zu seinem Sohn kristallisiert sich als wahrer Wert in seinem Leben heraus.

 

Der wahre Held des Abends ist für mich Heinz Hofbauer, welchem mit dieser Figur des Antihelden ein toller Wurf gelungen ist. Er zeigt mit dieser Person, dass es eine Antithese zu outrierenden Kabarettisten gibt, die meinen, sie müssten durch Brachialsprache das Publikum überzeugen. Sowohl schauspielerisch, als auch dramaturgisch ist „Flucht vor‘m Leben“ eine runde Sache. Noch nie war es so unterhaltsam einen „Helden“ scheitern zu sehen!

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler